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Das perfekte Problem

Heute einmal ein etwas anderer Blogbeitrag: nachdenklich, ein wenig verworren – und durchaus philosophisch.

Ich nehme euch mit an den Rand eines Gedankens, dessen Tiefe sich erst erschließt, wenn man bereits hinabgestiegen ist. Es ist die Frage nach Sinn oder Unsinn, Segen oder Fluch – der Versuch, einen Diamanten zu schleifen. Oder den Krug, der so oft zum Brunnen getragen wird, bis er zerbricht. Es ist der Stein, der sich verzweifelt müht, im schwärzesten Wasser zu schwimmen.

»Ich stehe mir selbst im Weg.« Wer von uns hat diesen Satz nicht bereits mit einem bitteren Lächeln geflüstert, wissend, dass darin mehr Wahrheit liegt, als man zuzugeben bereit wäre? Für mich verbirgt sich darin keine flüchtige Reflexion – es ist vielmehr ein beständiges Echo meiner Selbst. Ich rede von Perfektion, oder genauer: von jenem ruhelosen Drang nach Vollkommenheit, der so manchen von uns auf Schritt und Tritt zu folgen vermag.

Für euch, meine geschätzten Leser, dürfte dieses Streben zweifelsohne ein Gewinn sein. Vielleicht kann ich diesem Punkt zustimmen. Doch wenn Licht unweigerlich Schatten wirft, so frage ich mich: Ist mein persönlicher Preis nicht zwangsläufig jener dunkle Widerhall, der hinter allem vermeintlich Guten lauert?

Nun seid ihr verwirrt, nicht wahr? Lasst uns daher zur Quelle zurückkehren, gegen den Strom meines Denkens wandern, um den Ursprung dieser rastlosen Suche zu begreifen. Ich spreche zunächst allein vom Schreiben, meiner Passion und Berufung gleichermaßen. Worte fließen leicht aus meinem Geist, meine Fantasie ist wie ein Fluss, dessen Wasser niemals versiegt. Welten, die in meinem Innern leben, erheben sich mühelos auf dem Papier, Charaktere atmen und handeln, als wäre ich lediglich Zeuge ihres Daseins. So kann ich an einem freien Tag nahezu mühelos Texte von beträchtlichem Umfang niederschreiben.

Aber – natürlich gibt es ein ›aber‹ – freie Tage sind rar gesät. Das Leben verlangt seinen Tribut, und als Autor im Eigenverlag bin ich fern jener goldenen Mauern, hinter denen die Großen der Fantasy residieren. Meine Zeit, dieses kostbarste aller Güter, nebst Gesundheit natürlich, verflüchtigt sich zu oft, und viel zu leicht, in das mühselige Geflecht organisatorischer Notwendigkeiten. 

Gerade etwa, investiere ich alles in mein Debüt ›Der Sohn des Feuers‹. Und während ich mich im Strudel dieser scheinbaren Dringlichkeiten verliere, merke ich, dass ich seit Monaten kaum etwas Neues geschrieben habe.

Es ist eine Wahrheit, die in den dichten Nebelschwaden verborgen liegt und mich belastet – denn Schreiben ist nicht bloß Beruf, es ist ein Ausgleich. Mein Ausgleich. Eine Freude, die Essenz dessen, was mich antreibt. Natürlich habe ich nicht untätig verharrt – der zweite Roman meiner Eisarion-Reihe erfuhr gründliche Überarbeitungen, auch der dritte Band nimmt langsam seine endgültige Form an. Doch ist dies das Gleiche? Birgt das Überarbeiten dieselbe Magie wie das Schreiben neuer Geschichten? Bis vor kurzem dachte ich, diese Magie wäre mir fremd geworden, bis ich vergangenes Wochenende spontan einige Kapitel einer anderen Reihe niederschrieb und erkannte, dass gerade in der Schöpfung, im Neubeginn, diese unvergleichliche Freude liegt.

Doch ich schweife ab. Zurück zu dem, was dieser sich in verschlungenen Metaphern verlierende Autor eigentlich sagen möchte – zurück zu diesem ›perfekten Problem‹. Es ist der Drang, die Unmöglichkeit anzustreben, Perfektion zu erreichen, die nicht existieren kann. Ein Beispiel gefällig? Nach umfassenden Lektoratsdurchläufen, intensiven Lesungen durch Testleser und unzähligen eigenen Runden entdecke ich in meinem finalen Durchgang, dass das Wort ›Kapitänskajüte‹ zweimal in aufeinanderfolgenden Absätzen erscheint. Eine unbedeutsame Kleinigkeit, die keineswegs stört, die außer mir womöglich ohnehin niemandem auffallen würde. Dennoch genügt sie, dass ich mich erneut durch Buchstaben schlug (10 Kapitel), durch jede einzelne Zeile – schließlich könnte darin ein weiterer (vermeintlicher) Fehler verborgen liegen. Und dies ist nur ein sehr kleines, geradezu nichtiges Beispiel – ich wähle es lediglich, weil es anschaulich ist.

Diese Akribie prägt jedes Detail meines Tuns – von den Layouts über die Webseite, hin zu Kalkulationen oder Social Media. Und darüber hinaus. Stets angetrieben von der Gewissheit, dass es (für mich!) nie gut genug sein wird. Und doch weiß ich auch, dass ich mich in ein paar Jahren mit lächelnder Nachsicht betrachten werde und meinen einstigen Anspruch durch einen neuen Blick sehen werde, nur um festzustellen, dass dieser Schein von Vollendung stets nur eine vergebliche Momentaufnahme war.

Ist es also wirklich Perfektion, oder steckt darin letztlich doch nur Zweifel?

Am Ende scheint es mir beides zu sein. Ich bin nicht perfekt – ganz bestimmt nicht. Wenn ich ein Resümee ziehen kann, dann ist es dies: Ich werde stets nach dem Besten streben, was ich zu leisten vermag. Sollte ich dazu nach den Sternen greifen müssen, so werde ich es tun.

In diesem Sinne – gehabt euch wohl, Wanderer von Valagur.

Euer Tex Vienix

Kleiner Zusatz:
Dieser Beitrag ist keineswegs negativ gemeint. Und ja, natürlich hat er eine persönliche Note – sollte aber keineswegs rein autobiografisch verstanden werden.